Komm, lass uns singen

Komm, lass uns singen

Dänen lieben es zusammen zu singen. Es gibt eine nationale Liedersammlung namens „Højskolesangbogen“, die bei Versammlungen gerne hervorgeholt wird. Zu Geburtstagen und anderen Familienfeiern gibt es gerne selbstgemachte Gedichte zu wohlbekannten Melodien. Man bastelt auch gerne einen Behälter, in dem die selbstgemachten Werke vor der Uraufführung aufbewahrt werden und nach dem gemeinschaftlichen Singen und Kampf um Melodie und Rythmus wieder hinein verschwinden.

Ein neues Tv-Programm sollte in der Kultursparte des öffentlichen Fernsehens für eine neue Version des Liederbuches werben. Das Programm wurde ein Hit. Viele Dänen saßen vor dem Fernseher und versuchten den als Untertitel eingeblendeten Text und den Melodien zu folgen. Alle glücklich, der Fernsehsender überrascht. Die beiden Moderatoren glänzen sonst er mit klassischer Musik und erreichten plötzlich ein breiteres Publikum gesangsl(i)ebender Menschen.

Der Fernsehsender rückte eine weitere Ausgabe dieser Buchreklame ins Programm, dieses Mal dem Hauptkanal. Inzwischen mehrere Male. Dabei wurden alle Register der Medienorgel gezogen. Neben den beiden Moderatoren traten verschiedene Chöre auf, es gab Liveschaltungen in Kirchen, Schulen und andere Stellen, wo Menschen sich treffen, es wurden verschiedene Sänger und Komponisten mit eingeladen. Jeder Abend ein Erfolg – auch bei uns zuhause. Man singt freier in den eigenen vier Wänden in Jogginghose.

In dieser Coronazeit vermissen die Dänen den gemeinsamen Gesang und ihre Familie. Darum hatte das Fernsehen die glänzende Idee, die tristen Nachrichten um 8 Uhr am Vormittag, in denen es eine Stunde um Tod und Zerstörung die den tückischen Virus ging, durch gemeinschaftlichen Gesang aufzulockern und eine Versammlung im Geiste zu ermöglichen.

Man engagierte einen der Moderatoren, den habilen Pianisten und Leiter des superguten Mädchenchores, Phillip Faber und setzte ihn in einen passendes Wohnzimmer – nicht sein eigenes. Von dort aus beglückt er ganz Dänemark in der Krise. 2 Minuten Gymnastik und Stimmentraining, danach 2 Lieder unter seiner kompetenten Leitung. A new star is born.

https://www.dr.dk/om-dr/nyheder/hvem-er-dog-den-mand-bag-ved-phillip-faber-til-morgensang

Zuschauer und Mitsinger senden Bilder von zuhause vom singenden Kind, Hund, Papagei. Phillip avanciert zum Helden und überholt an Popularität den sonst so gerne zitierten Chef des Gesundheitsinstitutes, der seit deinem Selbsthaarschnitt seltener gesehen wurde.

Das Fernsehen dreht auf zum großen Happening. Jeden Freitag Abend auf dem Hauptsender erscheint Phillip zusammen mit einem humoristischen und entspannen Radio- und Fernsehmoderator der in einem Technikraum platziert wurde mit gemütlichem Licht, Kaffekanne und Desinfektionsmittel. Hygge und Hygjene. Eine ganze Stunde.

Jetzt kommen wir sogar in die Wohnzimmer und auf die Balkone berühmter Sänger, die sich immerwieder ein Ständchen geben. Dazu Liveschaltungen in Pflegeheime, Straßen, Wohnblöcke. Sogar die Färöer Inseln und Island haben wir besucht.

Und was macht man, wenn die Königin 80 Jahre wird und keiner vorbeikommen darf? Man singt und streamt live aus dem ganzen Land inklusive Grönland. Alles singt und brummt. Phillip spielt Klavier und Mads moderiert das Drumherum. Der gemeine Bürger schickt persönliche Grüße an die Monarchin. Man teilt sein Wohnzimmer mit ihr. Die Königin saß gefasst auf dem heimischen Sofa, aber irgendwie hat es sie doch gerührt, denn entgegen ihrem früheren Entschluss einen stillen Tag zu verbringen, hält sie abends doch eine Ansprache ans Volk. Sie habe einen schönen Tag gehabt. Danke.

So sind Krisen – der Mensch sucht nach einem festen Halt und Gemeinschaft,

Was machen wir nach der Krise? Singen.

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